Eine Begegnung zwischen Himmel und Erde – mitten im Wohnzimmer

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Noch im Zustand des Schocks, verwirrt und aufgewühlt, schreibe ich diese Zeilen.

Aus dem Wochenendurlaub zurückgekehrt. Es ist Nacht. Stille umringt das an einem Waldstück gelegene Haus, das ich betrete.  Routinemäßig öffne ich die Haustür und werfe das Licht an im Eingangsbereich. Ich laufe durch den Flur und öffne die Tür zum Kaminzimmer. Das Licht im Flur erhellt den vorderen Bereich des Kaminzimmers und sofort merke ich, dass hier etwas nicht stimmt: direkt an der Türschwelle liegt  Papier, das vorher dort nicht lag.

In der Ferne des dunklen Raumes erkannte ich durch die Lichtreflektion eine umgefallene, auf dem Boden kopfüber liegende Deko-Schale. Ein Blick zum (vergitterten) Fenster nach links offenbarte eine nach unten baumelnde Gardine. Das Fensterglas, nur schemenhaft erkennbar im nahezu dunklen Raum, schien aber nicht kaputt zu sein. Gedanken schossen von der rechten zur linken Gehirnhälfte:  OK…innehalten, ruhig bleiben, mit dem Schlimmsten rechnen und erstmal für Licht sorgen in diesem sehr großen Raum.

Um dieses zu tun, muss ich also tiefer hineineinschleichen, dorthin am Ende des Zimmers zur Ecke,  wo eine Ikea-Stehlampe auf mich freundlich wartet (die Glühbirne einer Stehlampe direkt am Zimmereingang hatte ihren Geist aufgegeben). Ich schreitete voll konzentriert, vorsichtig und zugleich entschlossen in das Vakuum dieses Wohnzimmers hinein, mich auf meine biologischen Sensoren und Reflexen verlassend. Zumindest habe ich mir das so eingeredet. In Wahrheit steuerte mich jedoch die Logik meines Stammhirns. Denn es wollte schnell Erkenntnis. Die Logik ist ja: hier muss etwas passiert sein, also geh´und mach das Licht an! Die Großhirnrinde seufzte derweil, ein so klarer Gedanke wie „Hol Dir erstmal eine Taschenlampe“ schaffte nicht die Ausweg hinauf durch die Röhre des biochemischen Tornados, das gerade mein Verstand erlitt. So lief ich also hinein ins Dunkle, um Licht zu holen.

Nach gefühlten sieben oder acht Metern, auf halbem Wege zur Lampe vorne links, stockte mein Atem erneut: eine Art Geraschel, das nur eine Sekunde anhielt und aus der rechten Ecke des Wohnzimmers, das ich räumlich passiert hatte, entfaltete seinen Klang durch die Finsternis des Raumes. Ich blieb stehen und drehte mich um, den vollständig getrübten Blick auf jene Ecke gerichtet und vom Drang geleitet, geradeaus durch die Wohnzimmertür hinauszuflüchten in den beleuchteten Flur. Mein Stammhirn sagte zu mir: abhauen, schnell, hier kauert ein Typ, ein Unterweltler in der Ecke! Hier versteckt sich ein Einbrecher. Es sagte mir auch: Du musst Dich beeilen, denn er kann Dir noch immer den Weg abschneiden.

Tiefster Winterfrost durchzog meinen Körper für einen Sekundenbruchteil. Ich setzte an, wie ein Hundertmeter-Läufer, um loszusprinten, raus erstmal in den Flur, wo ein Baseballschläger dekorativ steht. Der von meinem klugen Stammhirn schnell zusammengestrickte Plan sah vor, mir diese große Keule zu schnappen und komplett aus dem Haus rauszurennen, bereit mich zu verteidigen (sind hier noch mehr „Gäste“ ??!), bereit in die Dunkelheit des Waldes zu rennen. Dass mein Blackberry-Akku zu 99% leer war, spielte in diesem Moment übrigens keine Rolle, ausser, dass ich wusste, dass ich nur einen „Schuss“ haben würde, um einen Notruf gerade noch absetzen zu können. Es bräuchte nur eines Besetztzeichens  – und das Ding ist abgesoffen…

Mein Sprint endete direkt auf der Startlinie. Kein Entkommen! Denn es passierte  Unfaßbares. Und unfaßbar meint „unfaßbar“, körperlich und verstandesmäßig. Ein großes Etwas erhob sich aus der besagten Ecke und flog mit mächtig ausgebreiteten Flügeln über mein Kopf hinweg raus in den Flur. Dort, wo Licht ist. Und wo die Freiheit wartete, nach der sich eine große, in meinem Kaminzimmer eingesperrte Eule so gesehnt hatte.

Das Raum-Zeit-Kontinuum zerfloß, alle Logik, die mir innewohnte, zerbarst in Nanosekunden und mein Stammhirn stotterte wie ein alter Diesel-Motor. Wie kam diese Eule hinein ? Bin ich in einem Märchen gelandet und warten jetzt noch die sieben Zwerge auf mich ? Will mich Harry Potter foppen ? Geschieht hier ein religiöses Wunder ? Wandelt ein alter griechischer Gott durch die Flure des Hauses ? Ergriffen und langsam zur Besinnung kommend lief ich in den Eingangsbereich, um erstmal diese wunderschöne, majestätische Eule in die Nacht zu entlassen. Ich schaltete endlich das Licht an im Wohnzimmer: die Fenster waren unbeschädigt. Die Eule muss durch den Kamin hineingeflogen sein.

(c) Nidal Sadeq, 12.November, 2012

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One comment on “Eine Begegnung zwischen Himmel und Erde – mitten im Wohnzimmer

  1. easybella sagt:

    Gefällt mir sehr, sehr gut!! Und so spannend beschrieben! Daumen hoch!

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